Warum Kant nichts gegen Fensterln hat…

Gleichstellung, Objektivierung und Menschenwürde. Was das alles soll und wie das alles zusammenhängt.

Immer wieder hört man, ein Mensch werde durch eine Handlung oder ein Ereignis zum Objekt gemacht, nicht selten von hohen Gerichten. Dabei dient die Rede von der Objektivierung der Konkretisierung des notorisch dunklen Würdebegriffs; eine Objektivierung der Person soll eine Verletzung der Würde des Menschen nach Art. 1 I GG begründen. So behauptete das Bundesverwaltungsgericht 2002 (NVwZ 2002, 598) das Lasertag den Menschen als Gattungswesen (!), oder schon 1981 (BVerwGE 64, 274), dass Peep-Shows die betrachteten Tänzer(innen) objektiviere. Letzterer Meinung sind die Gerichte bis heute treu geblieben. Und erst vor ein paar Tagen hat die Gleichstellungsbeauftragte der Uni Passau behauptet, dass bayerische Spiel des Fensterlns objektiviere die beteiligten Damen. Was Objektivierung im ersten Fall bedeutet, wusste wohl nur das Bundesverwaltungsgericht. In den letzteren beiden Fällen scheint die Idee so: Eine Beteiligtengruppe wird zum bloßen Lustobjekt für die andere Seite degradiert, sind alleiniges Mittel zur Befriedigung von deren erotischen Phantasien.
Doch ist das so richtig? Ein Blick lohnt in diesem Fall in die Entstehungsgeschichte der Objekt-Formel. Diese geht auf Kants Zweck-Formel zurück, die dieser als eine der vielen Formen des kategorischen Imperativs eingeführt hat. Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:

Nun sage ich: der Mensch und überhaupt jedes vernünftige Wesen existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum beliebigem Gebrauche für diesen oder jenen Willen, sondern muß in all seinen, sowohl auf sich selbst, als auch auf andere vernünftige Wesen gerichtete Handlungen, jederzeit zugleich als Zweck betrachtet werden.

Immanuel Kant, Grundlegung, 428.

Kants Sprache und seine Gedanken mögen schwieriger sein, als die so manch einer/eines Gleichstellungsbeauftragten, doch sind sie auch um einiges genauer. Die wohl gängigste Interpretation dieser Passage, die wohl auch den Weg zur Objekt-Formel gebahnt hat, lautet: Der Mensch, als vernünftiges Wesen, verfolgt eigene Zwecke in seinem Leben, und darf deshalb nicht bloß als Mittel benutzt werden. Das „nicht bloß“ ist hier entscheidend. Man könnte meinen, ein Taxi-Fahrer wird instrumentalisiert, wenn man sich von ihm nach Hause fahren lässt. Das stimmt aber nicht, da ich seine Zwecke (hier: seinen Lebensunterhalt zu verdienen) respektiere, wenn ich ihn am Ende der Fahrt bezahle.
Nun zu den obigen Fällen. Zuerst die Peep-Show: Dieser Fall ist genau gleich gelagert, wie die Taxisituation. Der/Die Tänzer/in dient dem/der Beobachter/in als Mittel um seine/ihre erotischen Bedürfnisse zu stillen. Er/Sie ist aber nicht nur Mittel, sondern wird auch als Wesen mit eigenen Zwecken respektiert, weil er/sie für seine/ihre Darbietung eine Entlohnung vom/von der Beobachter/in erhält und genau unter diesen Bedingungen, hat sie/er der Vorführung zugestimmt. Es liegt daher keine Instrumentalisierung oder Objektivierung vor.
Nun zum Fensterln: Die Dame am Ende der Leiter dient dem Jüngling als Ansporn schnell die Leiter zu erklimmen, um dann einen Kuss von ihr zu bekommen. Sie ist daher Mittel für ihn. Aber ist sie es nur? Nein, denn sie hat dem ganzen volkstümlichen Treiben zugestimmt. Sie hat eventuell Spaß daran zu sehen, wie sich der Jüngling abstrampelt, um an einen Kuss von ihr zu kommen. Sie ist das Objekt der Begierde und sie ist es gerne. Es liegt daher keine Objektivierung vor. Aus Gründen der Gleichstellung ist es aber geboten zu fragen, ob vielleicht der Jüngling zum Objekt gemacht wird. Die Dame am Ende der Leiter hat Freude daran, das eifrige Streben des Jünglings nach ihren Lippen zu sehen und macht daher den Jüngling zum Mittel für ihre eigenen Freuden. Macht sie ihn aber nur zum Mittel? Nein, auch der Jüngling hat dem Spiel zugestimmt, er nimmt gerne die Mühen der Leiter auf sich, um einen Kuss von der Dame zu erlangen. Auch er wird nicht zum Objekt degradiert.
Kants Formel liefert einen Test, der es ermöglicht festzustellen, ob die an einer Praxis Beteiligten Personen autonome Subjekte geblieben sind. Wenn sie aus freien Gründen zugestimmt haben, so sind sie auch autonome Subjekte geblieben und das ist das Entscheidende. Man kann aus anderen Gründen die Peep-Show oder das Fensterln für schlecht oder schamlos halten, aber das sind letzten Endes Fragen des Geschmacks, die nichts mit der Objektivierung oder Instrumentalisierung von Menschen zu tun haben. Jeder der seinen persönlichen Geschmack mit einem solchen Objektivierungsargument zu tarnen versucht, macht genau das, was Kant mit der Zweckformel verhindern wollte – er respektiert nicht die Autonomie der Beteiligten Personen. Denn letzten Endes sind wir eben Menschen, mit verschiedenen Idealen, Geschmäckern und Zwecken, die an der Peep-Show oder dem Fensterln entweder ihren Spaß finden oder nicht. Das ist auch vollkommen in Ordnung, solange nicht in die Autonomie Dritter Personen gegen ihren Willen eingegriffen wird.
Wenn ein Richter oder ein/e Gleichstellbeauftragte/r meinen, sie könnten objektiv entscheiden, ob eine Person oder am besten gleich die ganze Menschheit zum Objekt gemacht wurde, ohne die persönliche Seite der beteiligten Subjekte zu betrachten, dann hat das nichts mit der Beachtung der Menschenwürde zu tun, sondern ist eine Form des Absolutismus, in dem die eigene Machtstellung ausgenutzt wird, um seine Ideale von der heilen Welt anderen Personen aufzuzwingen.

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