Vollgefressene Lehrbücher

In der Astronomie gilt es als erwiesen, dass sich das Universum beständig ausdehnt. In der Juristischen Ausbildung ist es erwiesen, dass sich jedes Lehrbuch beständig ausdehnt. Im Gegensatz zur Astronomie könnte man in der Juristerei aber etwas dagegen unternehmen.

Eine kleine Anekdote zum Einstieg: Als ich vor einigen Semestern eine Schlüsselqualifikation mit geringer Teilnehmerzahl besuchte, lud uns der Dozent, ein renommierter Praktiker im Richteramt, zu einem Cafe ein und plauderte offen mit uns über Jura und die Welt. Hierbei äußerte er, als es um den Prüfungsstoff ging, dass eines der populärsten Bücher zum Strafrecht zu seiner Zeit nur halb so dick gewesen sei. Das gab mir zu denken, da ich diese Beobachtung über den Zeitraum meines Studiums bestätigen kann. Mein favorisiertes Buch zum Strafrecht nahm mit jeder Neuauflage im Umfang zu. Warum?

Natürlich ergehen jedes Jahr neue Urteile der höchsten Gerichte, die eingearbeitet werden müssen. Aber immerhin wird mit einer obergerichtlichen Entscheidung auch ein Streit entschieden, und eine unterlegene Meinung verliert damit an Gewicht und müsste auch an Platz im Lehrbuch einbüßen oder verschwinden. Aber so verfahren Lehrbücher oft nicht. Wenn es zum einem beliebigen Streit die Meinungen A, B, C und D gibt, aber die höchstrichterliche Rechtsprechung seit 5 Jahren die Meinung A verfolgt und der letzte Vertreter der Meinung D schon vor 6 Jahren verstorben ist, findet man Meinung D trotzdem oft in ausgiebiger Länge diskutiert. Meist als Strohmann, um die vom Lehrbuchautor vertretene Meinung besser dastehen zu lassen. (Sowieso ein gerne genutztes unlauteres rhetorisches Mittel im juristischen Diskurs.)

Eine Umfangerhöhung könnte auch durch eine Tätigkeit des Gesetzgebers gerechtfertigt sein: Wenn der Gesetzgeber ein neues Gesetz erlässt, muss das entsprechend gewürdigt werden. Das ist aber tatsächlich die Ausnahme: Viele Gesetzesvorhaben sind nach den Prüfungsordnungen gar nicht examensrelevant und dürfen daher im Lehrbuch gar nicht erst auftauchen. Examensrelevante Gesetzesvorhaben sind nahezu immer Gesetzesänderungen, für die das obig Gesagte gilt: Mit der Änderung müssten Ausführungen zur alten Rechtslage entfallen. Es fällt aber vielen Lehrbuchautoren schwer, ihre mühsam geborenen Kinder zu verstoßen. (Bestes Beispiel: Auch Jahre nach der Schuldrechtsreform haben viele Autoren noch Ausführungen zur alten Rechtslage.)

Zudem geht nahezu jedes zitierfähige Lehrbuch auf einen Professor zurück, und Professoren haben nun mal ihre Steckenpferde. Daraus resultieren seitenlange Streits auf dem Niveau der Habilitationsschrift des Professors, die besser auf der nächsten Strafrechtswissenschaftstagung bei kostenlosen Schnittchen ausgetragen werden sollten, als in einem Lehrbuch für Jungsemester. Wenn nach Erscheinen eines Lehrbuchs also ein Aufsatz aus dem Lager der gegnerischen Meinung erscheint, muss diese natürlich im nächsten Lehrbuch widerlegt werden, wodurch dieses weiter aufgebauscht wird.

Ein weiterer mutmaßlicher Grund: Lehrbuchautoren meinen, mit Kommentaren konkurrieren, und sämtliche Rechtsprechung und Aufsätze zu einem Thema in den Fußnoten anbieten zu müssen. Mindestens muss aber auf alle eigenen Aufsätze und alle Aufsätze der Verbündeten verwiesen werden. Praktisch, wenn man eine Hausarbeit schreibt, aber nicht beim Lernen des Stoffes.

Noch ein Grund: Monetäre Interessen. Die juristischen Fachverlage wollen die Studenten jedes Jahr zum Kauf des neuesten Lehrbuchs bewegen. Das geht natürlich nur, wenn man vormacht, das neue Lehrbuch habe einen Mehrwert gegenüber der vorherigen Auflage. Deshalb wird oft im Klappentext auf bahnbrechende Änderung verwiesen („… berücksichtigt die neueste examensrelevante Rechtsprechung zum Hamsterkauf“).

All dies passiert immer wieder, wäre aber vermeidbar. Dass es anders gehen kann, zeigen die wenigen guten Lehrbücher, sowie zahlreiche gute Skripte aus den Händen der Repetitoren (die dafür oft andere Mängel aufweisen). Müsste ich einem Erstsemester Lehrbücher kaufen, wäre sein Stapel wahrscheinlich nur halb so schwer (und teuer) wie der eines Kommilitonen, der die Empfehlungen des Professors kauft. Dafür hätte er den Stoff auch in der Breite schneller verstanden, und für die wichtigen ausführlichen Problematiken gibt es meist hervorragende Aufsätze, die er dann auch verstehen würde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.