Am Anfang…

Zur Entstehung dieses Blogs…

Am Anfang war ja bekanntlich das Wort. Das ist eigentlich auch im juristischen Arbeiten der Fall. Auch hier begegnet einem überall das Wort: Das Wort des Gesetzes, des Juraprofessors, des Lehrbuchs, des Richters… Nur stiftet das Wort hier oft nicht Ordnung und Einsicht, sondern Konfusion und Unverständnis.

Ich kann mich noch gut an eine meiner ersten Sachenrechtsvorlesungen erinnern, in der mir über den Besitz erzählt wurde. Mir wurde gesagt, dass der Besitz etwas „Tatsächliches“ sei, nämlich die tatsächliche Sachherrschaft über eine Sache. Das klingt etwas redundant, aber mir war klar, was gemeint war. Das ich meinem Bleistift in der Hand halte und auf mein Heft drücke, ist ein Phänomen in der Welt, unabhängig davon, ob dazu der Gesetzgeber ein Gesetz erlassen hat, oder nicht. Das war der Besitz. Dagegen ist mein Eigentum an dem Bleistift nicht unabhängig von Gesetzen denkbar, erst die Gesetze des BGB ermöglichen mir mein Eigentum an dem Bleistift, wie ich es in unserer Rechtsordnung kenne.

Ich war recht glücklich über diese Einsicht und hörte aufmerksam den weiteren Worten der Professorin zu. Schnell merkte ich aber, dass es mit dem Besitz doch nicht so einfach war, neben dem Besitz als tatsächliche Sachherrschaft, gab es nämlich noch den Teilbesitz, den Mitbesitz, den Besitzdiener und den mittelbaren Besitz. Bei vielen dieser Rechtsinstitute hatten plötzlich Personen Besitz, die eigentlich keine tatsächliche Sachherrschaft über den Bleistift hatten; auch gab es Personen, die die tatsächliche Sachherrschaft über eine Sache inne hatten, aber dennoch nicht Besitzer waren. Meine anfängliche Freude über mein Verständnis wandelte sich bald in Verwirrung und Unverständnis. Dabei wollte ich nicht stehen bleiben, und versuchte im Nachhinein mit einem Lehrbuch nachzuvollziehen, wie der Besitz etwas Tatsächliches sein könnte und es doch soviele rechtliche Fiktionen zu geben schien, die mal der einen und mal der anderen Person Besitz zuschrieben.

Dieses Erlebnis, das ich als das „???-Erlebnis“ beschreiben möchte, also jenes des Unverständnisses des juristischen Denkens, ist gewissermaßen die Urszene dieses Internetblogs. Eine Situation, in der sich mein Studienkumpan und ich und wohl noch viele andere Juristen häufig befanden. Das „???-Erlebnis“ ist das frustrierende Gegenteil des „Heureka-Erlebnisses“.

Mein damaliges Ergebnis als Studienanfänger war, dass es wohl doch besser ist, die 25 Fälle und Theorien zum Besitzkonstitut und zur Geheißperson auswendig zu lernen, als einen logischen Widerspruch zu lösen. Aufgabe dieses Blogs soll es nun sein, bei diesem „???-Erlebnis“ nicht stehen zu bleiben, sondern mit Mitteln des kritischen Denkens das „???“ dieser Situation verständlich zu machen. Oft werden viele juristische Probleme erst verständlich, wenn man den juristischen Diskurs darum kennt, und erhellen sich dann, manche bleiben aber immer noch dunkel. Aber selbst wenn man versteht, woher das Problem kommt, bleibt oft noch ein Unwohlsein. Muss es dieses Problem wirklich geben? Muss es wirklich die 27. Gegenansicht zum doppelten mittelbaren Nebenbesitz geben? Und bringt die 28. Gegenansicht wirklich die Lösung? Vielleicht könnte ja einfach die Perspektive eines kritischen Verstandes ausreichen, der sich etwas Distanz zum juristischen Diskurs bewahrt hat.

Die Autoren dieses Blogs wollen an juristische Probleme oder Scheinprobleme mit dieser Perspektive herangehen, eine Perspektive, die sie entweder ihrem Philosophiestudium oder ihren exzessiven Freizeitstudien verdanken und die sie genauso wie die Arbeit mit dem Recht lieben gelernt haben. Bei diesem Vorgehen hoffen sie auf rege Beteiligung und Kritik von Juristen, juristischen Laien, und allen, die an einer guten Diskussion Freude haben.

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